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Konsistorialbaumeister Conrad-Wilhelm Hase
von
Volker Dobers |
Am
13. März 1853 zeichnet Hase zwei Entwurfsvarianten für eine grundlegende
Erneuerung der Kirche. Denn die schien dringend geboten: Zwei Bauberichte aus
dem Jahre 1852 sprechen von einem »... schon lange in tiefem Verfall liegenden
Innern der Kirche ...« in Lüchow. Nach Hases Vorstellungen sind
Fensterlaibungen und Portale neugotisch auszuführen. Gleiches gilt für die
Gestaltung von Altar, Kanzel und Schalldeckel. Erst mehr als ein Jahrzehnt später,
am 20. Juli 1866, gehen Hases Entwurfszeichnungen der Ausstattungsstücke von
Hannover nach Lüchow ab. Wenige Monate später sind sie durch den
hannoverischen Bildhauer Carl Dopmeyer (1825 – 1899) fertiggestellt.
Vorausgegangen
war seit Mitte der 50er Jahre eine lange Auseinandersetzung um den Charakter der
Neugestaltung der in desolatem Zustand befindlichen Lüchower Kirche. Das
kirchliche Bauamt in Hannover, das Konsistorialbauamt, bis 1862 von Ludwig
Hellner (1791 – 1862) geleitet, führte einen Streit mit Hase über die künftig
notwenige Anzahl der Sitzplätze und den Umfang der Neugestaltung.
Am
4. Oktober 1853 hatte Hellner im Zusammenhang mit einem ohnehin anstehenden
Besuch im nahegelegenen Gartow die Lüchower Kirche besichtigt und daraufhin ein
Gutachten gefertigt, in dem er auch auf Hases Entwurfsvarianten vom 13. März
eingeht. Hase versucht daraufhin mit Schreiben vom 18. Juli 1854, Hellners
Kritikpunkte an seinen Plänen zu entkräften. Die Mitglieder des
Kirchenvorstands sind sich angesichts des Streits der Sachverständigen nicht über
den in der Sache einzuschlagenden Weg
einig und schieben die Angelegenheit jahrelang vor sich hin. Erst Ende
1859 greift das Gremium die Bausache unter Leitung des neuen Propstes Hermann
Seebold wieder auf. Nach dem Tode Hellners wird 1863 Hase dessen Nachfolger als
Konsistorialbaumeister.
Hinter
der Auseinandersetzung der Architekten Hellner und Hase
um die Gestaltung der St.-Johannis-Kirche in Lüchow steht ein
architekturhistorischer, kunstgeschichtlicher wie liturgiegeschichtlicher
Richtungsstreit, der mit den Polen Nützlichkeit gegen Schönheit nur
unzutreffend und verkürzt beschrieben ist.
Hellner,
der z.B. für die Kirchen in Bergen und Bülitz (ganz in der Nähe von Lüchow)
verantwortlich zeichnet, weiß sich dem klar gegliederten, hellen, symmetrischen
Stil klassischer Architektur im Sinne griechisch-römischer Antike verbunden. So
wird bei ihm wie selbstverständlich durch große, offene Fenster
hereingelassen, was außerhalb der Kirchenmauern geschieht. Welt und Kirche
nehmen einander wahr. Die Gemeinde schottet sich nicht in einer Sonderwelt ab:
Zeitgemäß, wirklichkeitsnah, verständlich sollte darum der Gottesdienst in
Hellners Kirchen sein. Die
Predigt als klare und nüchterne Auslegung des biblischen Wortes ist zentral. Nähe,
Symmetrie, gutes Licht und bequeme Sitze haben dem Schwerpunkt der Predigt zu
dienen. Kanzel und Altar finden sich dicht an der Gemeinde, oft als Kanzelaltar.
Einen gesonderten Chorraum oder eine Apsis gibt es selten. Hase dagegen, geprägt durch Einflüsse von Romantik und Erweckungsbewegung sowieköniglich-hannoverischen Nationalismus (in Abgrenzung zu Preußen) und einer Vorliebe zu Bauformen des Spätmittelalters, entwickelt eine eigene – von Gegnern pauschal »katholisch« genannte – Formensprache: hohe, schmale Spitzbogenfenster, Dachlandschaften mit vielen Türmchen, kleinteilige, »gefühlsbetonte«, »schmückende« Gestaltungen. Diese eigenwillige, an die Neugotik angelehnte Bauweise nannten seine Schüler »Hasik«. Conrad Wilhelm Hase will stimmungsvolle, charakteristisch »christliche« Kirchen, keine Lehrsäle mit »abgeschmackter Nüchternheit«, die ebensogut auch als Tanzsaal dienen könnten. Die Kanzel wandert bei ihm aus dem optischen Mittelpunkt an die Seite. Er unterscheidet damit Versammlungs-/Predigtort und Feier-/Abendmahlsort. Bei ihm ist der Pastor nicht mehr primär Lehrer, sondern Priester. Ein zeitgemäßer, wirklichkeitsnaher, verständlicher Gottesdienst steht bei ihm weniger im Vordergrund. Auch konfessionelle Unterschiede spielen eine untergeordnete Rolle. Hase will eine antimodernistische Gegenwelt als Heimat bieten: ein verinnerlichter, gefühlsbetonter Gottesdienst. Das Mysteriöse und Geheimnisvolle des Glaubens soll wiedergewonnen, Kult und Ritual aufgewertet werden. Die belehrende »Katheder«-Kanzel verliert an Bedeutung. Das Zentrum des Gottesdienstes liegt für Hase im Chorraum mit dem Altar, sozusagen außerhalb der Gemeinde, unverfügbar im »Jenseits«. Der Altar mit dem Chorraum wird als ausgesonderter, heiliger Bereich Zentrum des Gottesdienstes. Dahinter steckt sowohl der Wille, dem Göttlichen, dem Heiligen im Gottesdienst mehr »Raum« zu geben als auch das Wissen um die Unverfügbarkeit des Glaubens. Im Archiv der St.-Johannis-Gemeinde finden sich heute noch die handgefertigten und kolorierten Entwurfszeichnungen. |
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