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Zeitgenössische
Kunst 1.
Bereitschaft zur Begegnung Über
»Kunstvermittlung« ist viel nachgedacht und veröffentlicht worden.
Zeitgenössische Kunst in einer ganz normalen Kirchengemeinde zu zeigen,
setzt die Bereitschaft zur Begegnung voraus. Das Interesse an Begegnung
ist der Schlüssel zu jeder Art der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer
Kunst. Begegnung, die diesen Namen verdient, wird immer mit dem Unwägsamen
und Fremden rechnen. Wenn in der Begegnung mit Menschen wie mit der
Kunst tatsächlich das Gegenüber gesucht wird, dann werden Ungewohntes
und Überraschungen nicht ausbleiben. Solcherart Begegnung wird neue
Sichtweisen eröffnen, wird in Bewegung setzen, wird einen nach dem
Aufeinandertreffen nicht mehr so lassen wie zuvor. Offensichtlich
jedoch ist die Bereitschaft zur Begegnung in diesem Sinne in vielen
Kirchengemeinden landauf
landab (noch) nicht besonders ausgeprägt. Zeitgenössische Kunst, wenn
sie denn einmal den Weg in die Gemeinde findet, wird entweder
verschwiegen, einfach ignoriert oder ihr gegenüber wird respektlos, überheblich,
verunglimpfend reagiert. Gleichgültigkeit und Indifferenz ist eine
ebenso anzutreffende Form der Flucht vor echter Begegnung. Es gibt auch
erfreuliche Erfahrungen. Wo sich Freiräume für das Experiment »Kunst«
zeigen und dann auch nutzen lassen, ist es ein Glück. - Tragisch und ärgerlich
zugleich jedoch ist, dass sich Menschen in unseren Kirchengemeinden häufig
durch stillschweigende oder ausdrückliche Abwehrreaktionen in ihnen
liegender Möglichkeiten berauben. Oft lässt sich der Eindruck
gewinnen, dass sie sich diese Möglichkeiten regelrecht versagen. Aus
diffuser Angst heraus. Aus der Macht der eigenen Gewohnheit heraus. Aus
verinnerlichten Verhaltensmustern heraus. Das Fremde darf nicht sein.
Das Ungewohnte muss weg, am besten wegbleiben. Alles andere wäre zu
anstrengend, zu neu, zu waghalsig. Allerdings: »Brücken« sind unerlässlich. Gemeindemitglieder fragen mit gewissem Recht nach »Dolmetschern«. Diese sollten ihnen nicht vorenthalten bleiben, Interessierte aber zum eigenständigen Sehen ermutigen. 2.
Dem Eigenen trauen Den
eigenen Augen trauen, der eigenen Stimme Raum geben, die eigene Sprache
finden, wer kann das noch, wer lebt das noch? Zeitgenössische Kunst
kann diese verschütteten Dimensionen menschlicher Existenz
herausfordern. Nicht vorsortiertes Sehen im Sinne eines Reiseführers
nach dem Motto: »Da musst du gewesen sein, das musst du gesehen haben«.
Vielmehr sich wieder in der eigenständigen und zunächst einsamen Kunst
des Schauens üben. Das alte Spiel »Ich sehe was, was du nicht siehst«
spielen. Wahrnehmen, mit allen Sinnen aufnehmen, was »vor Augen« ist,
Zeit einsetzen für die Begegnung mit dem ganz Anderen, sich im
jeweiligen Raum ergehen. Und Widerstand gegen jede Form von
Vereinnahmung oder »Augen-Zensur« üben. »Schauen«
zählt für mich zu den Schlüsselbegriffen in der Begegnung mit Kunst.
Wo nur noch halb hingeschaut wird, verkümmert das Leben, wo weggesehen
wird, wird das Leben preisgegeben. Wo so etwas wie die Kunst des
Schauens geübt wird, da müssen festgeformte Vorstellungen weichen. Da
kann aus der Begegnung mit einem Menschen oder einem zeitgenössischen
Werk Überraschendes erwachsen. Zeitgenössische
Kunst in der Gemeinde zu zeigen, offenbart den Mut zur Jetztzeit. Ein
solches Unternehmen setzt voraus, dass Kunst im ausgehenden 20.
Jahrhundert eine eigene (Aussage-)Kraft innewohnt und aus sich heraus
entwickelt. Vertrauen in die Kraft zeitgenössischer Kunst zu setzen
liegt quer zum gegenwärtigen Trend, dessen Parole lautet: Zurück in
die gute, alte Zeit. Solche restaurativen Tendenzen spiegeln sich etwa
in der gegenwärtigen Architekturdebatte um Berlinbauten, solche
Erfahrungen werden im Zusammenhang mit Umgestaltungs- und Umnutzungsplänen
renovierungsbedürftiger Kirchen gemacht, ähnliche Gedanken sind auch
in Diskussionen angesichts gegenwärtig tiefgreifender
gesellschaftlicher Umbrüche und Herausforderungen nicht neu. Der
Gegenwart zu trauen und ihrer Kunst leiht sich die eigene Identität
nicht aus angeblich guter, alter Zeit, flieht nicht zurück in die
Vergangenheit und flüchtet auch nicht in die Zukunft, sondern nimmt die
Gegenwart als die eigene Zeit wahr, respektiert sie und bringt sie auf
eigene Weise zur Darstellung. 3.
Trinitarische Dimensionen zeitgenössischer Kunst Mir
haben sich in der Begegnung mit zeitgenössischer Kunst geradezu
trinitarische Dimensionen erschlossen. Damit soll zeitgenössische Kunst
nicht theologisch vereinnahmt werden. Ihre Eigenständigkeit bleibt
unangetastet. Dennoch sehe ich drei große Dimensionen, die ich bewusst
trinitarisch nenne: eine schöpferische Dimension, eine weitere
Dimension, die die Würde des Menschen thematisiert, schließlich die
Dimension der Freiheit. Anspruchsvoller
Kunst wohnt a) eine enorme schöpferische Kraft inne. Jede Begegnung mit
hochkarätigen Arbeiten bringt das an den Tag. Des weiteren zieht sich
durch viele zeitgenössische Werke implizit oder explizit b) das Leiden
an der Entwürdigung von Menschen wie das Ringen um die Würde von
Menschen. Wunde Punkte werden berührt, die Frage nach der Wahrheit wird
gestellt. Parallelen zum Weg Jesu drängen sich auf. Schließlich atmet
c) zeitgenössische Kunst einen Geist der Freiheit (2.Kor.3, 17), der
manchem herkömmlichen, geschlossenen Kreis unserer Kirchengemeinden den
Spiegel vorhalten könnte. 4.
Kunst in der Gemeinde zeigen? Ja,
Kunst in der Gemeinde zeigen! In der Kirche als »Institution der
Freiheit« die Freiheit leben! »In meines Vaters Hause sind viele
Wohnungen (Jh.14, 2)«, so steht auf einer der beiden Glocken der
Kirchengemeinde, in der ich mein Vikariat absolviert habe. Und auf der
anderen ist zu lesen (s.o.): »Wo der Geist des Herrn ist, da ist
Freiheit(2.Kor.3, 17)«. Wohl der Kirchengemeinde, zu der solche Glocken
einladen und die solche Offenheit zu leben versteht! Ja,
Kunst in der Gemeinde zeigen! Nicht als Masche, nicht als Tick, sondern
als eigener Impuls gegen die verbreitete Gewohnheit zu konsumieren,
gerade auch in Kirchengemeinden. Immer wieder wird veranstaltet für:
Für die Gottesdienstgemeinde, für die Alten, für die Kinder ... statt
mit ihnen auf Entdeckungsreise zu gehen.
- Zeitgenössische Kunst in der Gemeinde zu zeigen, das ist der
Versuch, gegen herkömmliche Betreuungsformen eine andere Art von
Begegnung zu eröffnen, nämlich wieder den eigenen Sinnen zu trauen und
selber sehen, fühlen, riechen, hören, schmecken (lernen)... Oft, allzu
oft wird betreut, wird etwas - und meistens noch gut gemeint - vermittelt
statt dass es aus Begegnungen erwächst. Oft wird unterhalten
statt beteiligt. Oft wird veranstaltet ... Zeitgenössische Kunst
in der Gemeinde zu zeigen, das ist so etwas wie ein emanzipatorischer
Ansatz, der die eigenen Möglichkeiten ernst nimmt, herausfordert und
sie damit fördert. 5.
Zum Beispiel: »Einfach vergessen« von Rosemarie Vollmer (1995) in
St.-Johannis Lüchow
Sechs
Wochen
lang haben wir zu Beginn des Jahres 1996 ein dreiteiliges, zeitgenössisches
Bild im Großen Saal unseres Gemeindehauses zeigen können:
Die Arbeit »Einfach vergessen« der Gondelsheimer Malerin
Rosemarie Vollmer war für die Dauer der winterlichen Gottesdienste
neben (besser: angesichts von) Lesung, Lied, Gebet, Predigt, Segen ...
eigenständiger Beitrag im Gesamtgeschehen Gottesdienst wie im übrigen
all der anderen kirchengemeindlichen Veranstaltungen in diesem Raum. Im
Rahmen eines Gottesdienstes wurde in die 360 x 260 cm große Arbeit
eingeführt, einige wenige Gedanken der Malerin zu ihrem Werk standen in
schriftlicher Form für Interessierte im Anschluss an den Gottesdienst
zur Verfügung. Das
Projekt »Einfach vergessen« kommt im Zusammenhang anderer Impulse mit
zeitgenössischer Kunst in St.-Johannis Lüchow zu stehen: 1991 Konzert
mit zeitgenössischer Orgelmusik (Hans-Ola Ericsson spielt u.a.
Ausschnitte aus dem 12teiligen Zyklus »superverso per organo« [1985 -
1992] von Ernst Helmuth Flammer), 1992/93 Umgestaltung der
St.-Johannis-Kirche (Schaffung von Taufbeckenschale, Lesepult, »Tisch
des Herrn« und »Osterkreuz« durch den Schweizer Bildhauer Karl Imfeld),
1993 »Inspirationen-Ausstellung« mit 9 MalerInnen und Bildhauern, 1995
Triptychon »Atemtor« von Jörgen Habedank, 1995 Eröffnung der
Wanderausstellung des Zentrums für Medien, Kunst und Kultur unserer
Landeskirche (ehemals "Medienzentrale"), »Orte der Stille« mit Arbeiten
von Ricardo Saro und Hartmut Stielow, 1996 Projekt »Tanz im Kirchenraum«
im Zusammenhang mit dem Zentrum für Medien, Kunst und Kultur unserer
Landeskirche.. Fazit: Mut zur Begegnung, und eben auch zur Begegnung mit dem Fremden, ist für mich der Schlüssel zu jeder Form von fruchtbarer christlicher Gemeindearbeit, was die Bereitschaft zur Begegnung mit zeitgenössischer Kunst selbstverständlich einschließt. Volker
Dobers: Zeitgenössische Kunst (in) der Gemeinde zeigen. In:
Resonanzen 1976 – 1996. 20 Jahre Medienzentrale im Amt für
Gemeindedienst der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Hannover 1996,
S.45–49 |